WER NACH DER “ELEKTRA” GREIFT, WAGT VIEL – KANN ABER AUCH VIEL GEWINNEN!
Juli 7, 2009
100 Jahre nach der Uraufführung in Dresden steht im Passionsspielhaus Erl “Elektra” auf dem Spielplan, eine Wiederaufnahme der Erfolgsproduktion von 2005 – in Verbindung mit einer vorangestellten Lesung der Hofmannsthal – Textvorlage. Wirkungsvoll und sicher vorgetragen von Franz Winter, der souverän den Handicaps seines Mikrofons trotzte. Die zweistündige Lesung führte gewollt zu einem tieferen Verständnis für die nachfolgende Oper, obwohl eine Anzahl von Besuchern von der Länge des Projekts überfordert waren und vorzeitig den Saal verließen. Nach kurzer Pause wurde der musikalische Part mit dem Orchester der Tiroler Festspiele unter Leitung von Gustav Kuhn eröffnet. Die geöffnete Bühne ließ kalte Räumlichkeit erkennen, bot aber dennoch das richtige Podium für das Seelendrama in der unheimlichen Antike.
In der von mir besuchten Aufführung am 3.7.09 sang Bettine Kampp die Titelpartie. Sie verkörperte in idealerweise die von Hass getriebene Tochter Agamemnons, stimmlich großartig. Glaubhaft brachte sie herüber, Elektra ist nicht mehr Mensch, nicht mehr Weib, sondern nur noch fleischgewordene Rache. Erst in der Erkennungsszene Elektra-Orest “Orest, Orest!” wird die Sprache des Menschlichen in wunderbar lyrische Töne umgesetzt. Als Gegenpart zog Michela Sburlati, als jüngere, zaghafte Schwester Chrysothemis alle Register ihres sängerischen Könnens. Oft wird die Rolle
der Chrysothemis von der der Elektra überdeckt. Hier war sie ein beeindruckendes Gegengewicht, eine sich ständig steigernde sängerische Leistung.

Veröffentlicht von Walter Hauschild
