WER NACH DER „ELEKTRA“ GREIFT, WAGT VIEL – KANN ABER AUCH VIEL GEWINNEN!


100 Jahre nach der Uraufführung in Dresden steht im Passionsspielhaus Erl „Elektra“ auf dem Spielplan, eine Wiederaufnahme der Erfolgsproduktion von 2005 – in Verbindung mit einer vorangestellten Lesung der Hofmannsthal – Textvorlage. Wirkungsvoll und sicher vorgetragen von Franz Winter, der souverän den Handicaps seines Mikrofons trotzte. Die zweistündige Lesung führte gewollt zu einem tieferen Verständnis für die nachfolgende Oper, obwohl eine Anzahl von Besuchern von der Länge des Projekts überfordert waren und vorzeitig den Saal verließen. Nach kurzer Pause wurde der musikalische Part mit dem Orchester der Tiroler Festspiele unter Leitung von Gustav Kuhn eröffnet. Die geöffnete Bühne ließ kalte Räumlichkeit erkennen, bot aber dennoch das richtige Podium für das Seelendrama in der unheimlichen Antike.

In der von mir besuchten Aufführung am 3.7.09 sang Bettine Kampp die Titelpartie. Sie verkörperte in idealerweise die von Hass getriebene Tochter Agamemnons, stimmlich großartig. Glaubhaft brachte sie herüber, Elektra ist nicht mehr Mensch, nicht mehr Weib, sondern nur noch fleischgewordene Rache. Erst in der Erkennungsszene Elektra-Orest „Orest, Orest!“ wird die Sprache des Menschlichen in wunderbar lyrische Töne umgesetzt. Als Gegenpart zog Michela Sburlati, als jüngere, zaghafte Schwester Chrysothemis alle Register ihres sängerischen Könnens. Oft wird die Rolle
der Chrysothemis von der der Elektra überdeckt. Hier war sie ein beeindruckendes Gegengewicht, eine sich ständig steigernde sängerische Leistung.

Die Partie der Klytämnestra sang Martina Tomcic, als Vetreterin des Grausig=Bösen, zu schön, als das man ihr die Perfidie und die von Angstpsychosen geplagte Mörderin abnimmt. Bei ihr, wie auch beim hervorragend disponierten und sehr textverständlichen Orest von Michael Kupfer hätte ich mir von der Regie mehr Einfluß auf die Personenführung gewünscht.

Summa summarum –  gesungen wurde insgesamt auf hohem Niveau, was auch die nicht unbedeutenden Nebenrollen mit einschließt.

Das beeidruckenste Erlebnis aber war die herausragende Wiedergabe strauß`scher Musik durch das Orchester der Tiroler Festspiele unter der Leitung von Gustav Kuhn. Der Riesenapparat war an der Rückwand der Bühne pyramidenmäßig aufgebaut und bildete so das Rückgrat des musik-theatralischen Geschehens. Mit ruhigen Gesten führte der Maestro das Orchester zu Höchstleistungen. Wie Gewitter und Sturm brauste es über die Bühne! Mit großen Kraftaufwand an Stimmen und Instrumenten wird eine kolossale Klangkulisse aufgebaut. Die hervorragende Akustik des Passionsspielhauses vermittelt dem gesamten Auditorium einen glänzenden Opernabend, der noch lange nachwirken wird.

Großer, anhaltender Beifall.

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