Haydns Weg nach Lockenhaus


Gumpendorf, Mai 1809
Wien, 1809:
Napoleons Truppen ziehen gegen Wien, die Stadt wird belagert und beschossen, am 13. Mai wird sie von den Franzosen erobert. Joseph Haydn erlebt in seinem Haus im Wiener Vorort Gumpendorf die Angriffe der Franzosen. „Unser guter Papa war in den letzten Wochen schon sehr geschwächt. Einige Tage vor seinem Tode hoben die Haushälterin Nannerl und ich ihn aus dem Bett, als Schüsse und Kanonendonner ganz nahe erdröhnten. Die Türen sprangen auf, die Fenster klirrten…“

Haydn setzt sich in diesen Tagen, solange es seine Kräfte zulassen, noch mehrmals ans Klavier, um das „Kaiserlied“ zu spielen, jene Weise, mit der er der Monarchie ein musikalisches Symbol geschenkt hatte und die heute die Hymne unseres Nachbarlandes Deutschland ist. Drei Tage vor Haydns Tod klopft es an der Tür, ein französischer Offizier will den international berühmten Komponisten kennen lernen, singt angeblich sogar die Arie „Mit Würd’ und Hohheit angetan“ aus der „Schöpfung“ vor und spricht mit Haydn vor allem über dessen berühmtestes Werk.

Am 31. Mai 1809 stirbt Haydn. Der Befehlshaber von Wien, Napoleon, lässt vor dem Sterbehaus des Komponisten Wachen aufziehen, an den Begräbnisfeierlichkeiten in der Schottenkirche nehmen auch französische Generäle teil.

Eisenstadt – Eszterháza, zwischen 1761 und 1790

Als Joseph Haydn 1761 Vizekapellmeister bei Fürst Paul Anton Esterházy in Eisenstadt wird, beginnt für ihn das Leben in der Region des heutigen Burgenlandes und ungarischen Grenzlandes. Denn mit Paul Antons Nachfolger, dem Fürsten Nikolaus I., übersiedelt Haydn 1766 in das neuerbaute Schloss Eszterháza, wo er 25 Jahre lang als Kapellmeister wirkt, einen Großteil seiner Quartette, Klaviersonaten mit und ohne Begleitung, Symphonien und Trios für das fürstliche Lieblingsinstrument Baryton komponiert und ab 1776 bis 1790 von seinem Arbeitgeber vor allem als Opernkomponist und Impresario in Beschlag genommen wird.

Zwischenzeitlich, in kälterer Jahreszeit, übersiedelt der Hofstaat in das Schloss Esterházy nach Eisenstadt, wo Haydn bis 1780 ein Haus besitzt und wo im heute nach ihm benannten Saal Aufführungen seiner Musik stattfinden. Die meisten musikalischen Darbietungen mit Haydns Musik finden aber im Hauptsitz in Eszterháza statt. Im intimen Kreis spielen Dilettanten auf hohen Niveau zusammen mit Berufsmusikern aus diversen Hofkapellen Kammermusik von Haydn, der Fürst brilliert auf dem Baryton, die Fürstenkapelle führt Symphonien auf, darunter den Zyklus von Morgen-, Mittag- und Abendsymphonien oder auch die „Abschiedssymphonie“, mit der Haydn auf die angespannte soziale Stellung der Musiker hinweist und vom Fürsten verstanden wird.

In Eszterháza entsteht Werk und Werk als Beiträge zu jener Gattung, die durch Haydn begründet und zu einer der kostbarsten Musizier- und Werkformen der abendländischen Musikgeschichte wird: das Streichquartett, das aber erst im 19. Jahrhundert diese Bezeichnung bekommt. Haydn nennt seine Kompositionen für zwei Violinen, Viola und Violoncello anfänglich noch Divertimento und Quadro, später dann Quartetto. Neben den Quartetten widmet sich Haydn auch intensiv der Komposition von Sonaten für das „Clavier“, und zwar ohne und mit Begleitung. Die begleitenden Instrumente sind Violine und Violoncello – mit diesen Werken entsteht das ebenfalls erst im 19. Jahrhundert dann so genannte Klaviertrio.

Eisenstadt, 1954
In Eisenstadt findet Haydn seine letzte Ruhestätte. 1820 lässt Fürst Nikolaus II. den Leichnam vom Hundsturmer Friedhof in Wien nach Eisenstadt überführen. Bei der Exhumierung wird dabei festgestellt, dass der Kopf des Leichnams fehlt, den ein Sekretär des Fürsten und Anhänger der Schädellehre entwenden hat lassen. Nach vielen Umwegen kommt der Schädel erst 1954 zu den Gebeinen und der Komponist findet Mitte des 20. Jahrhunderts endlich seine Totenruhe.

Lockenhaus, 2009

Seit mittlerweile fast 30 Jahren wird Lockenhaus jeden Juli zum Zentrum der Kammermusik, wobei Haydns grundlegende Werke stets eine Rolle spielen. Im Haydn-Gedenkjahr steht Haydn in der an der Grenze zu Ungarn gelegenen burgenländischen Gemeinde, die sich im geographischen Dreieck mit den Haydn-Zentren Eisenstadt und Eszterháza befindet, natürlich im Mittelpunkt. Nicht wenige Melodien von Haydns Musik haben Ursprünge und Verwandtschaften zur Volksmusik der Regionen, die seinen Lebensraum bildeten und umgaben: Niederösterreich, Burgenland, Ungarn, Slowakei bis hin zu Kroatien.

Streichquartette, Klaviertrios, Baryton-Trios, Lieder, Klaviermusik, kleine besetzte Symphonien und Instrumentalkonzerte von Haydn werden in Lockenhaus von führenden Interpreten aus aller Welt musiziert werden.

Haydn heute in Lockenhaus: Das ist eine internationale Begegnung von Musikern und Musik. Haydns Musik wird in Relation gesetzt zu seinen Zeitgenossen wie Boccherini und Stamitz, den Klassikern und Romantikern, die auf seinen musikalischen Errungenschaften aufbauten, Beethoven und Schubert, Mendelssohn und Schumann, oder auch Tschaikowski und Janacék. Haydn erscheint in Lockenhaus aber genauso aus dem Blickwinkel des 20. Jahrhunderts, etwa der vergleichbar umfassenden und unterhaltsamen Kammermusik von Paul Hindemith, oder der Musik der mit Lockenhaus eng verbundenen Komponisten Schnittke, Kancheli und Gubaidulina, bis hin zu Kurtág und Raskatov.

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