Ganz Wien ist Bühne – wenn „Undine geht“


Undine geht - Eröffnungsszene - von www.tautscher.net

Undine geht - Eröffnungsszene - Bild: www.tautscher.net

Abfahrt – Pfingstsonntag 15.45 Uhr – Gleis 5 – Bahnhof Wien Heiligenstadt. Beim Stiegenaufgang wartet bereits ein „Steward“. Doch ehe wir die Schnellbahn-Garnitur der 60er Jahre besteigen, beginnt der Schauspielreigen bereits am Bahnsteig – 3 Ehefrauen (für jedes Zugabteil eine) klagen ihr Leid – ein Wasserschaden. Hans (auch in dreifacher Ausführung) hört in seinem zwingerartigen Schrebergarten die aktuellen Wasserstände ab.

Dann kann die Reise beginnen! Wie bereits berichtet – gab es am Pfingstwochenende mehrmals die Gelegenheit einen Text von Ingeborg Bachmann und Musik von Olga Neuwirth bei UNDINE GEHT – Eine Reise mit dem Zug von „Oper unterwegs“ zu erleben. Und eine Reise war es – mit dem Zug – und ein Erlebnis war es auch – mit neuen Einblicken ins Wiener Stadtgebiet und Umland.

Rezitiert wird der Bachmann Text „Undine geht“ von einer verstörend, eindringlichen Stimme über im Zug montierte Boxen. Trotz der Abrechung mit dem „Mann als Ungeheuer“ sorgt die Adaptierung im Zug für ein erstes Lächeln, wenn „das Monster“ einfach nur als „Hans“ tituliert wird – während die Schnellbahngarnitur am Kronen Zeitungs Gebäude vorbei rattert.

Undine geht - vor der Abfahrt - von www.tautscher.net

Undine geht - vor der Abfahrt - Bild: www.tautscher.net

Es sind diese Eindrücke, die jeder Fahrgast selbst entdeckt, die von der ca. 2 stündigen Aufführung am stärksten im Gedächtnis verharren. So wird man im ersten Teil der Reise mit dem Text, sich selbst und der (fast zu verhaltenen) Neuwirth-Komposition etwas alleine gelassen – ehe die Inszenierung mit im Abteil gepielten Situationen und entlang der Strecke postierten Szenen Fahrt aufnimmt. Besonders die absurden Außen-Aktionen – eine Frau auf einem überdimensionalen Papierschiff – Hans in einem Wassertank – ein fahrendes Moped am Bahnsteig (was für ungläubige Blicke unbeteiligter Bahnreisender sorgt) – oder Hans der ein Grab aushebt – sorgen für ein Schmunzeln und einen erweiterten Blick. Stattdessen erzeugen die Szenen im Zug mit Direktheit und Nähe teilweise beklemmende Momente.

Während die Fahrt gen Süden von Wien voranschreitet, beginnen Landschaft, Text und Szenen miteinander zu verschwimmen – der Besucher wird – im wahrsten Sinn des Wortes – zum Passagier der selbst-inszenierten Geschichte und Gedanken. Die normalerweise nicht befahrenen Streckenteile – etwa entlang der Stadtgrenze, vorbei an Oberlaa zum riesigen Verschub-Gelände in Kledering oder die Fahrt zurück über die Donauufer-Bahn am Handelskai – werden zu einem besonderen Genuss – nicht nur für Kunst- sondern auch für Bahnliebhaber.

Nach der Reise rund um Wien und durch das eigene Empfinden kommt man etwas geschafft aber unglaublich bereichert wieder in Heiligenstadt an und spendet dem Ensemble und der dahintersteckenden Logistik den gebührenden Applaus. Ein gelungener Trip, bei dem der Musik noch etwas mehr Platz eingeräumt hätte werden können.

Wenn in der anschließenden Heimfahrt im D-Wagen der Wiener Straßenbahn eine kleine Kindergruppe zu singen beginnt, merkt man das die ganze Welt und Wien insbesondere eine Bühne ist.

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