Rocky Horror Show – Wenn die Chefsekretärin das Bustier auspackt


rhs_thommymardo_72Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal in die Rocky Horror Picture Show auf Video sah. Zuvor hatte mich die Musik an meinen Kassettenrekorder gefesselt. Aber die Bilder, die mir der Kult-Film lieferte, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Auf die Frage meiner Eltern „Was habt’s Euch ang’schaut?“ brachte ich nur ein verlegenes „so einen Science Fiction Film“ heraus.

Aber das ist alles Schnee von gestern. Niemand mehr ist wegen der Travestie und Bi-Sexualität von Richard O’Briens Musical Meisterwerk verlegen. So ist auch die Premiere der Wiederaufnahme des Wien-Gastspiels im Museumsquartier von der Wienwochen-Schulklasse bis zum rüstigen Senior sehr gut besucht. Anfängliche Befürchtungen meinerseits die Aufführung könnte am Übergroßen Vorbild zerbrechen, erweisen sich als unnötig. Vor allem über das Herz des Stücks – die Musik – und die ausgezeichneten Stimmen der fast ausnahmslos exzellenten SchauspielerInnen, wird die Aufführung (zum Glück im englischen Original) zu einem einem kurzweiligen Vergnügen, dass auch für einige Gänsehaut-Momente sorgt.

Infos zum Stück und Kartenvorverkauf unter:
www.rocky-horror-show.de und auf oeticket.com

Hält sich das Stück im ersten Teil noch fast dogmatisch am Film-Plot, so entwickelt sich im zweiten Teil eine durchaus eigene Bildsprache, die dem Original ebenbürtig ist.

rhs_6282_thommymardo_72Kein Wunder – hat Mastermind O’Brien doch selbst an der Inszenierung mitgewirkt und ganz offensichtlich dafür gesorgt, dass sein Lebens-Werk nicht einfach so auf die Bühne geklatscht wird.

Der charmante Einsatz von Projektionen und sehr rudimentären Bühnen-Elementen (da wird eine Eingangstür schon mal einfach so während des Songs von den Bühnenarbeitern hereingeschoben) sorgen für eine fast archaische Atmosphäre. Aber spätestens wenn die Stimmen erhoben werden weiß man, dass dies eine Produktion auf höchstem Niveau ist.

rhs_6563_thommymardo_72Frank’n’Furter (Rob Fowler) ist nur optisch – vor allem ob der blonden Haare – vom „Original“ Tim Curry zu unterscheiden. Der Auftritt von Riff Raff (Stuart Matthew Price) bei „There’s a light“ erzeugt ebenso Gänsehaut, wie sein „erscheinen“ beim Showdown. Dieser hebt sich durch interessante Kunstgriffe (Frank’n’Furter als „King Kong Geliebte“ Fay Wray oder das Feder-Fächer-Ballett) vom Film ab, denn das Stück natürlich als übergroßen Stein im Gepäck mit sich herumträgt – sich aber von Szene zu Szene davon zu lösen beginnt.

Einen großen Anteil am Erfolg des Abends muss der fünfköpfigen Band im Hintergrund zugeschrieben werden. Rockig, druckvoll, Energiegeladen und auch mit Spass an der Freud liefern sie nur leicht varierte Adaptionen der Klassiker. Einzig das eingeschoben Stück für Brad (Chris Ellis-Stanton) im zweiten Teil hätte man sich sparen können. Detto muss man festhalten, dass Alexander Goebel als „Erzähler“ im Vergleich zum restlichen Ensemble abfällt . Seine „zweite Besetzung“ Chris Lohner, wäre die zwar riskantere, aber vermutlich reizvollere Variante.

Was mir am Mittagstisch meiner Eltern noch die Schamesröte ins Gesicht getrieben hat, ist mittlerweile allgemeines Kulturgut geworden. Vielleicht nicht mehr ganz so verrucht, schmutzig und gefährlich wie es früher erschienen ist – aber immer noch ein Höllen-Spass.

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