Die Sache mit Nanni Morettis Filmen


Verleih PolyfilmWenn ich mir einen Film von Nanni Moretti anschaue, durchlaufe ich praktisch immer die gleichen Phasen:
1. Zuerst einfach nur Begeisterung darüber, einen italienischen Film zu sehen (wozu man ja in Wien leider nicht sehr oft die Gelegenheit hat) und wieder einmal die Sprache im Ohr zu haben.
2. Dann beginne ich über den Film wirklich nachzudenken und merke, dass mir einiges unklar ist, das Ende mehr als eindeutig und die eine oder andere Figur undurchschaubar. Daraus folgt erst eine richtige Auseinandersetzung mit dem Gesehenen. (Allein dafür, dass eine Auseinandersetzung mit ihnen nötig ist, bin ich Nanni Morettis Filmen dankbar!)
3. Schließlich beantworte ich offene Fragen für mich, sehe (oder vermute zumindest) einen größeren Plan dahinter und komme zu dem Schluss: ein echt guter Film!

So oder so ähnlich ist es mir auch diesmal ergangen: „Il Caimano“ (Verleih und Foto: Polyfilm – der noch im De France in OmU und im Bellaria in Wien läuft), Morettis Film über einen Mann (Bruno Bonomo, der sprechende Nachname heißt soviel wie „Gutmensch“), der privat und beruflich zu scheitern droht und dessen letzte (finanzielle) Rettung die Produktion eines Films der jungen Regisseurin Teresa ist. Voller Enthusiasmus klammert sich Bruno an diesen rettenden Strohhalm, und es könnte sich alles zum Guten wenden… Würde es sich bei besagtem Film im Film „Il Caimano“ nicht um die mehr als kritische Nachzeichnung von Silvio Berlusconis politischem Weg handeln – ein Thema, so brisant, dass der Reihe nach die dafür vorgesehenen Hauptdarsteller abspringen und der Fernsehsender RAI die Kooperation mit Bruno zu beenden droht.
Davon abgesehen, dass sich der geplante Inhalt des Films mit den persönlichen Ansichten Bruno Bonomos spießt, weniger aus wahrer politischer Überzeugung denn aus der Angst, irgendwo anzuecken und damit Unbequemlichkeiten auf sich zu ziehen. Eine Einstellung, die dafür verantwortlich zu sein scheint, dass jemand wie Berlusconi die Wahlen zum wiederholten Male gewinnen konnte.
Brisanterweise startete der Film in Italien 2006 kurz vor den Wahlen, aus denen Romano Prodi als der knappe Sieger hervorgehen sollte, und in Österreich im April 2008, also rund um die vorgezogenen Wahlen, die wieder Berlusconi für sich entschieden hat.
Wie Martin Rosefeldt in seinem Artikel in der „Zeit“ anlässlich der Filmfestspiele in Cannes 2006 schreibt, bei denen „Il Caimano“ das erste Mal vorgeführt wurde:

„Viele Berlusconi-Gegner, hört man, seien von Morettis Film, der kurz vor den Wahlen in den italienischen Kinos anlief, enttäuscht gewesen. Moretti habe nicht engagiert genug gegen den Kaiman Stellung bezogen, hieß es. Doch die wütende Abrechnung am Schluss beweist das Gegenteil – hätte Moretti den ganzen Film als politische Agitation inszeniert, wäre die Rezeption ausschließlich entlang der verfeindeten politischen Lager verlaufen. Nicht in diese Falle getappt zu sein und dabei auch noch einen höchst unterhaltsamen und intelligenten Film geschaffen zu haben, ist Morettis bleibendes Verdienst sowohl als Regisseur als auch als Kämpfer für die Rettung der italienischen Demokratie.“

Und das ist genau, was die Filme von Moretti auszeichnet, sie sind vielschichtig (im Falle von „Il Caimano“ wird das durch die Film-im-Film-Situation noch verstärkt), und sie zeigen nie nur eine Seite der Dinge – sie sind nicht nur komisch, sondern auch tragisch, sie erzählen die Geschichte eines Einzelnen und sind dennoch allgemein gültig. Und ich frage mich, welche Antworten sich Christoph Huber von der „Presse“ erwartet und erhofft (siehe sein Artikel anlässlich des Österreich-Starts) – ist das wirklich die Aufgabe eines Films? Eine diese Fragen, worüber man ewig diskutieren kann, vermutlich.

„Il Caimano“ schürt bei mir jedenfalls die Vorfreude auf die italienische Filmwoche „Nuovo Cinema Italia“ im Votiv Kino vom 29.05. bis 05.06. läuft. Che bello!

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