Luxus Lesen? 2


Ist Literatur in der Krise? Es gibt immer mehr Bücher (45.000 pro Saison allein im deutschsprachigen Raum!), aber immer weniger LeserInnen oder immer weniger Zeit zum Lesen (der Durchschnittsmensch liest angeblich zwei Bücher im Jahr). Die österreichische Schriftstellerin Anna Mitgutsch schreibt darüber in ihrem Artikel „Das Ablaufdatum der Literatur“ im Standard vom 20. April 2008, und über die veränderten Bedingungen im Literaturbetrieb, die „Deregulierung des Marktes“ und die Krise des Lesens.

Wer hat denn auch noch Zeit, wirklich zu lesen? Nicht nur einige wenige 1000 Zeichen eines Blogeintrags zu überfliegen, sondern Romane zu lesen? Das Desinteresse bzw. die problematischen Bedingungen am Literaturmarkt zeigen sich nicht nur bei der Linzer Literaturmesse LITERA (siehe ein Standard-Artikel dazu: „Buchmesse und keiner geht hin“); sondern auch bei der letzten Lesung, bei der ich war: am Dienstag lasen in der Alten Schmiede junge, mehr oder weniger aufstrebende österreichische SchriftstellerInnen (Thomas Ballhausen, Gertraud Klemm, Kurt Leutgeb und Andrea Stift) aus ihren neuen Werken. Das Publikum war nicht gerade groß, und das obwohl die Lesungen bei freiem Eintritt stattfinden.

Und trotzdem: die Geduld, das Zuhören, das Wundern über manch seltsame Idee der Autoren oder die eine oder andere gestelzte Wendung haben sich ausgezahlt: am Ende wurden große Fragen, nicht nur der Literatur, sondern auch der Menschheit diskutiert! Meine Lieblingsfrage einer Zuhörerin: „Alle sind immer so neurotisch! Man hat das Gefühl, wenn die Menschen nicht mehr verrückt wären und ihre Neurosen hätten, könnte man überhaupt nichts mehr schreiben! Ist das nicht so?“ Was sagt man nur dazu??

Der scheinbar schwindenden Leserschar steht paradoxerweise eine immer größere Zahl an AutorInnen gegenüber, die trotzdem das Gefühl haben, genug sagen zu können und das mitteilen wollen. Ob das nicht entmutigend ist? Ja, aber die Konsequenz kann ja nicht sein, es gar nicht zu probieren, oder? Übrigens: die Einreichfrist für den fm4-Literaturwettbewerb WORTLAUT läuft noch bis 5. Mai 2008! 😉

Und allen, die lieber zuhören oder sich noch vorher Inspiration holen möchten, sei das 5. Wiener Festival für junge Literatur WORTSPIELE (mit Arno Geiger, Monique Schwitter, Hans Platzgumer, Linda Stift u.a.) dieses Wochenende (25. und 26. April 2008) im Porgy&Bess ans Herz gelegt!


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2 Gedanken zu “Luxus Lesen?

  • Greif Berthold

    Lesen ist mehr als bloß „inn“! Millionen Ausleihungen in öffentlichen Bibliotheken BEWEISEN dies! Menschen die Bücher ausleihen lesen genauso wie jene die Bücher kaufen!
    Was die Internationale Buchmesse LITERA 2008 angeht so sind immerhin, gleich beim allerersten Mal 10.000 Besucher hingegangen!
    Lesungen bedürfen in ihrer Darstellungsform heute ebenfalls Modernisierungen! Der Autor muss heute anders (verpackt) vermarktet werden als dies früher genügt hat! Aber auch Theaterstücke und Filme müssen heute anders dargsetellt werden als noch vor 10 oder 15 Jahren.

    Es gilt weniger zu jammern oder über verbleibende oder nicht verbleibende Freizeit nachzugrübeln als vielmehr GEMEINSAM und hier meine ich Autoren, Verleger, Buchhändler und Veranstalter an einem Strang zu ziehen um Lesungen, Buchpräsentationen und Verlgasvorstellungen für das moderne (eilige, überflutete usw) Publikum spannend, verlockend und einladend zu machen.

    Das Team der LITERA (auch zuständig für die gut besuchte Vernstaltungsreihe LITERAtur am Fluss etc) und ich freuen uns über jeden Kontakt und über jede Zusammenarbeit damit das freie Wort, damit Autoren und damit das Buch in bester Form einem zunehmend breiten Publikum vorgestellt werden.
    Kontakte herzlich willkommen unter litera@linzkongress.at.

    Berthold Greif

  • Michaela Schueller

    Ich freue mich über Ihren engagierten Kommentar und stimme im Großen und Ganzen mit Ihrer Meinung überein: den Kopf in den Sand zu stecken und nur zu jammern bringt nichts.
    Die Gefahr ist ja, dass die Literatur (genauso wie alle anderen Kunstformen) immer mehr den Regeln „des Marktes“ Folge leisten muss – und das heißt hier so wie überall: möglichst gut und viel verkauft werden. Geld bringen die großen Bestseller, die entsprechend gehypt werden, aber für kleinere, innovativere oder kritischere Projekte bleibt weniger Raum. Das hat nicht nur mitunter prekäre Auswirkungen auf die Arbeitssituation von SchrifstellerInnen, sondern auch auf die Qualität dessen, was es zu lesen gibt (wie auch Anna Mitgutsch in ihrem Artikel kritisiert hat).

    Was es vielleicht heute auch schwierig macht: Lesen und Geschwindigkeit und Hektik schließen sich nun mal aus. Aber neue Konzepte, um die Literatur den Menschen näher zu bringen, finde ich wichtig und mehr als begrüßenswert.